Sieht richtig professionell aus.

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Die Höhlenmalereien von Lascaux – von Prof saxx (Wikipedia) © Prof saxx (Wikipedia)

Ein gut gemeintes
Kompliment löste bei uns
einen Schreibkrampf aus.
Oliver Ruhm
22. Dezember 2022

„Das sieht ja richtig professionell aus!“ Ein gut gemeintes Lob, das wir immer wieder in Präsentationen entgegennehmen dürfen. „Richtig erkannt!“, möchte ich antworten. Aber zuverlässig verrät mich mein eigener Mund und antwortet brav „Vielen Dank, ich gebe das Lob an unser Team weiter.“

Professionell kommt von der Profession, vom Beruf. Man macht also etwas von Beruf wegen, zum Broterwerb. Erlernt, ausgeübt, also kurz: gekonnt – meint der Volksmund. Woher kommt das, dass wir „professionell“ als qualitatives Lob aussprechen? Dr. Best, Dr. Pepper, Dr. Martens und Dr. Brinkmann nicken mit ernster Miene. Sie müssen es ja wissen, Profis durch und durch und bestätigen uns in unserer Haltung: lass lieber Profis ran. Die werden schon wissen, was gut für dich ist: „Ihr Logo ist so wertvoll wie ein kleines Steak.“

Überall auf der Welt widmen sich Menschen in ihrer spärlichen Freizeit mannigfaltigen Tätigkeiten abseits des Broterwerbs. Und viele davon sind schöpferisch: sie sind Künstler im Kleinen – oder im Großen. Auf Anerkennung und Lob reagieren viele verlegen. Nur ein Hobby, nur ein Steckenpferd, ein kreativer Ausgleich. Nicht professionell. 

Viele Bewerbungen für Praktika und Anstellungen, die über unsere Tische gehen, wirken maschinell, seriengefertigt, basieren auf Vorlagen und Semesteraufgaben, spiegeln Trends der Saison wider und tragen zum Designdiskurs wenig Neues bei. Es sind industrielle Bewerbungen aus der Ausbildungsindustrie, logische Produkte ihres Umfelds. Dazwischen, vereinzelt, wie Glimmer im Sand, sind sie, die Kreativen. Nicht immer von der Hochschule, Querschläger und Autodidakten. Selten sind sie, zu selten. Wieder der Respekt vor der Profession. Wieviel Potential bleibt im Nimbus der Freizeitkunst?

Die industrielle Revolution war der Beginn der Werbung (und damit des Kommunikationsdesigns). Jahrtausendelang fertigte der Handwerker auf Bestellung. Erstmalig wurde in Serie, auf Lager produziert. Die Produkte wollten verkauft werden und wurden deshalb beworben. In der Möbelproduktion imitierten die neuen Fabriken herrschaftliches Mobiliar, die Sessel und Betten der Fürsten und Königinnen. Das Volk hatte plötzlich vermeintlichen Zugang zu Gütern, die ihnen bislang unerreichbar waren. Leider waren die Massenfertigungen von mangelhafter Qualität und hielten das herrschaftliche Versprechen nicht. Einschub: Stecken wir in einer gestalterischen Revolution? Kleine Marken und Unternehmen, die sich früher kein professionelles Design und Erscheinungsbild leisten konnten, waten heute im Überfluss. Online wetteifern Armeen von Designern und Kreativen um die Gunst der Firmen. 99 Logodesigns für einen Dollar. Bezahlt wird, wer gewinnt. Dass die Ergebnisse sich dann nur allzuoft als Humbug entpuppen wie einst die Möbel, merkt der Kunde erst nach dem Kauf.

Noch weiter zurück. Im alten Rom wurde für geistige Leistungen wie medizinische Behandlung oder Rechtsbeistand kein Geld angenommen. Es war Ehrensache, davon kommt auch das Wort: eine honor, Ehre. Heute schreiben Künstler, Rechtsanwälte und andere Denkarbeiter Honorarnoten, Handwerker schlicht Rechnungen.

A propos Handwerker. Wie war das eigentlich bei den Höhlen von Lascaux? Hat man da den Maler angerufen zwecks Ausgestaltung der Wohnräume? Vermutlich war die Arbeit am monumentalen Kunstwerk, aufgrund der schieren Größe, Teamwork. Richtig professionell, sind sich Marcel Ravidat, Jacques Marsal, Georges Agniel und Simon Coencas einig, als sie die Höhlen erstmalig erkunden. 

Der Respekt vor dem Handwerk und allen Professionen sitzt bei uns tief. Deichkind rappt „Alles muss man selber machen lassen!“ Und trifft den Nerv der Zeit. In einer Welt, in der die Profis das Sagen haben, geht vieles verloren. Ich muss kurz von mir selbst schreiben. Lange Jahre war ich der Überzeugung, dass wir als Amateure vieles kaufen müssen. Dass uns gar nichts anderes übrig bleibt. Meine Frau Nadine hat mich vom Gegenteil überzeugt. In den letzten Jahren haben wir zusammen Pralinen produziert, Seife gesiedet, Silikongussformen modelliert, gewurstet, gesägt, geschweißt und geschneidert. Mit Geschick und Zuversicht, nicht immer perfekt, aber immer mit Freude und ganzem Herz. Richtig professionell, meinten unsere Freunde. Es geht nicht darum, dass die Wurst so gleichmäßig in Form und Farbe ist wie die vom Metzger. Oder darum, dass das Möbel Ausdruck einer handwerklichen Perfektion – gemacht für Generationen – ist. Die reine Freude am Erschaffen und der Stolz auf eine neu erlernte Fertigkeit gibt uns Grund, immer neue Dinge auszuprobieren. 

Genau dieselbe Freude erfüllt uns im Zeughaus, wenn sich vor einer Präsentation alles zusammenfügt. Auf einmal macht es Klick, und Wochen der Arbeit, der Freuden, Mühen und Zweifel, belohnen uns mit einem Konvolut, der Essenz einer Idee und ihrer kreativen Blüte. Bäm! Und was kommt raus? Die 40 Folien sind schnell durchgeklickt und präsentiert. „Sieht richtig professionell aus!“

Ja, wir sind Profis. Wir verdienen unser Geld mit der Umsetzung von Kommunikationsdesign. Für uns gehört mehr zum Job als Handwerk und Erfahrung. Für mich ist ein echter Profi jemand, der sich im Herzen die Liebe zum Anfangen, zum Ausprobieren und zum Neuanfang erhalten hat. Sie hält mich seit zwei Jahrzehnten in ihrem Bann.